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Argumente gegen den Gottesglauben

Posted in Gott und die Welt with tags on Oktober 14, 2008 by w3bh4ck

Ist es vernünftig, an Gott zu glauben?

Viele Menschen würden heute auf diese Frage antworten:
Das muß jeder für sich entscheiden. Man kann weder die Existenz noch die Nicht-Existenz Gottes
beweisen. Wer Gott zur Bewältigung seines Lebens braucht, der soll halt an Gott glauben. Wer
auch ohne Gott zurecht kommt, der soll es lassen. Diese Sichtweise der Dinge ist nicht völlig falsch. Sie macht es sich jedoch zu einfach. Das wird deutlich, wenn wir uns etwa fragen, wie wir mit dem Glauben an die Astrologie umgehen würden, der ja auch für manche Menschen eine wichtige Funktion in ihrem Leben hat. Hier würden doch die meisten intelligenteren Menschen sagen: Bevor ich mein Leben nach irgendeinem Horoskop ausrichte, möchte ich zunächst einmal Argumente dafür sehen, daß die Sterne wirklich unser

Leben beeinflussen. Ebenso aber sollte ein intelligenter Mensch, so schein mir, dem Gottesglauben begegnen. Er sollte sich fragen, ob es nicht vielleicht gewisse Argumente für den Gottesglauben gibt, die diesen Glauben jedenfalls als rationaler oder vernünftiger erweisen als den Unglauben.

Manche Theisten meinen, daß die moderne Physik gezeigt habe, daß das Universum einen Anfang in der Zeit hatte. Und zwar wird behauptet, der Beginn des Universums falle mit dem sogenannten Urknall vor etlichen
Milliarden Jahren zusammen. Nun, ich bin zwar kein Physiker. Die Behauptung aber, daß es vor dem sogenannten Urknall definitiv nichts gegeben hätte, ist schon prinzipiell, verstanden als eine Behauptung der Naturwissenschaft, kaum belegbar und wird auch meines Wissens von den meisten Physikern gar
nicht aufgestellt. Was man als Wissenschaftler guten Gewissens eventuell behaupten kann, ist
dies:
Vor dem Urknall hat es tatsächlich keine Materie und keine Energie in der späteren, uns geläufigen
Form gegeben. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß wir eines Tage vielleicht sogar erklären
können, wie eine frühere Form von Materie bzw. Energie näherhin beschafften war und wie es auf
der Basis dieser früheren Form von Materie bzw. Energie dann zum Urknall kam.
Wir benötigen also die Gotteshypothese nicht, um den Urknall zu erklären. Und wir benötigen die
Gotteshypothese ebensowenig, um die Entstehung von Leben auf dieser Erde zu erklären. Auch
hier reicht eine rein naturalistische Erklärung aus.
Wenn das Universum nämlich – in dieser oder jener Form – schon ewig existiert hat und wenn es
außerdem vor dem Urknall möglicherweise schon eine unendliche Vielzahl von mit Materie und
Energie sehr unterschiedlich ausgestatteten Welten gegeben hat, warum sollte dann nicht eine
dieser unendlichen Welten – nämlich unsere Welt – tatsächlich die für die Entstehung von Leben
erforderliche spezielle Ausstattung aufweisen? Unter Millionen von Lottospielern gibt es ja auch
immer mal wieder diesen oder jenen einzelnen Gewinner!

Ich gebe gerne zu: Diese von mir angestellten Überlegungen sind nicht zwingend. Doch die
angeblich aus den Naturwissenschaften abgeleitete Lehre vom Beginn des Universums in der Zeit
ist sicher ebensowenig zwingend. Der Theist aber ist es, den für seine These die Beweis- oder
Argumentationslast trifft. Nehmen wir nun aber argumentationshalber einmal an, es ließe sich tatsächlich wissenschaftlich zeigen, daß das Universum vor etlichen Milliarden Jahren buchstäblich aus dem Nichts entstanden ist. Dann wäre dieser Beginn des Universums in der Tat ein mysteriöses, als solches
unerklärliches Ereignis. – Ich möchte jedoch behaupten: Dieses Ereignis bleibt im Grunde ebenso
mysteriös und unerklärlich, wenn wir zur Auflösung des Mysteriums einfach einen Gott postulieren,
der dieses Ereignis angeblich verursacht hat. Denn wie kann ein rein geistiges Wesen Materie aus dem Nichts schaffen und auf die von ihm geschaffene Materie in irgendeiner Weise gestaltend einwirken, ohne seinen eigenen materiellen Körper – der Gott aber per definition fehlt – benutzen zu müssen?
Ich kenne keine befriedigende Antwort auf diese Fragen. – Bitte bedenken Sie: Die einzigen uns
bekannten Wesen, die durch ihren Geist etwas schaffen oder bewirken können, sind Menschen –

in einem gewissen Sinn auch Tiere – vor allem aber Menschen. So kann ein besonders intelligenter Erfinder sich vielleicht ein Fernsehgerät ausdenken, das nicht größer als eine Armbanduhr ist. Doch kein noch so intelligenter Erfinder kann ein solches Fernsehgerät wirklich herstellen, ohne dabei irgendwelche Materie zu benutzen, Materie die er nicht selber macht, sondern Materie die er bereits vorfindet. Und kein noch so intelligenter Erfinder kann ein solches Gerät herstellen, ohne dabei nicht nur seines Geistes, sondern auch seines Körpers zu bedienen. Schließlich und endlich: Es spricht absolut nichts dafür, daß das Universum, selbst wenn es von einem Geist erschaffen wurde, nur von einem einzigen Geist erschaffen wurde. Könnten sich nicht ebensogut mehrere Götter die Arbeit geteilt haben – vielleicht sogar (angesichts der unzureichenden Qualität dieser Welt), ohne daß diese Arbeitsteilung sehr professionell organisiert war?
Die unzureichende Qualität, die Unvollkommenheit dieser Welt. – Damit bin ich an dem
vielleicht entscheidenden Punkt meiner Einwände gegen den Theismus angelangt. Können wir
wirklich aus der Beschaffenheit der Welt jemals auf den monotheistisch verstandenen, den
christlichen Gott schließen?

Bitte erinnern Sie sich:
Dieser Gott ist definiert nicht etwa nur als Schöpfer der Welt, sondern als Schöpfer der Welt, der
gleichzeitig durch eine höchste Vollkommenheit jeder Art, also insbesondere durch eine
vollkommende Macht und durch eine vollkommende Güte ausgezeichnet ist. Die göttliche Allmacht
sowie die göttliche Allgüte sind für jeden Monotheisten neben der göttlichen Schöpferkraft die
wesentlichen und unverzichtbaren Eigenschaften seines Gottes. An der Allmacht eines Gottes, der die Welt aus dem Nichts erschaffen hat, scheint in der Tat kein Weg vorbeizugehen. Aber wie steht es mit der moralischen Vollkommenheit, der Allgüte dieses Gottes? Ich frage mich: Wie kann ein vernünftiger Mensch, der mit offenen Augen die Welt betrachtet, überhaupt auf die Idee kommen, daß diese Welt das Werk eines Gottes ist, den man ohne weiteres als allgütig bezeichnen kann? Was ich hier anspreche, ist bekanntlich das sogenannte Problem des Übels oder Theodizee- Problem, das Problem also der Rechtfertigung Gottes angesichts des unbezweifelten Übels in der von Gott geschaffenen Welt. Nach meiner Überzeugung ist dieses Problem bislang von keinem Theisten auch nur annähernd gelöst worden. Betrachten wir vor allem das natürliche Übel, also jenes Übel, das auch ohne zutun des Menschen in der Welt vorhanden ist. Wieso konnte ein dem Menschen in unendlicher Allgüte zugetaner Gott die Welt so erschaffen und gestalten, daß sie so offenkundige Übel enthält wie Krankheiten, Seuchen und Naturkatastrophen vielfältigster Art?
Man denke in diesem Zusammenhang etwa an die Krebskrankheit, an das Malariafieber, an
Erdbeben, Hungerkatastrophen, Überschwemmungen usw.
In jüngster Zeit wird dieses Problem des Übels von Theologen und Philosophen oft nur noch in
Form der Frage formuliert: Kann man nach Auschwitz noch an einen allmächtigen und allgütigen
Gott glauben? Diese ausschließliche Fixierung auf das moralische, also von Menschen wie einem
Adolf Hitler verursachte Übel stellt jedoch eine gewaltige Verkürzung des Problems, ja sogar eine
gewisse Irreführung dar. Der bekannte katholische Philosoph Robert Spaemann hat eindeutig unrecht, wenn er etwa behauptet: „Die natürlichen Leiden sind ja kaum erwähnenswert gegenüber denen, die der Mensch
dem Menschen antut“. Ich möchte das Gegenteil behaupten: Die natürlichen Leiden sind die schlimmeren – abgesehen davon, daß ja auch ein Adolf Hitler letztlich ein Produkt der von Gott geschaffenen Natur ist. In
diesem Zusammenhang nur zwei Fakten: Es ist keine Besonderheit, daß ein Erdbeben, wie
kürzlich das Seebeben in Asien, mehrere 100.000 Opfer fordert. Schon ein Erdbeben in China im
Jahr 1976 forderte 250.000 Tote und ca. 1 Million Verletzte. Noch mehr zu denken aber gibt die folgende Zahl: Seit Jahren gehen weltweit täglich circa 35.000 Kinder an Hunger und Krankheit jämmerlich zugrunde. Täglich 35.000, das macht etwa 13 Millionen pro Jahr.

Derartige Opferzahlen hat selbst ein Hitler oder Stalin nicht erreicht. Hätte ein allgütiger Gott die Welt nicht ohne solche Grausamkeiten der Natur erschaffen können, ja erschaffen müssen? Richtig ist zwar: Diese Grausamkeiten der Natur sind die Folge von Gesetzen, denen die Natur unterworfen ist, die Folge von Naturgesetzen.

Gott aber ist es doch, der die Welt einschließlich all ihrer Naturgesetze aus dem Nichts erschaffen hat.
Und Gott in seiner Allwissenheit hat ebenfalls sämtliche Auswirkungen und Folgen der von ihm
geschaffenen Naturgesetze vom Weltanfang bis zum Weltende bereits vorausgesehen. Hätte er
also, falls er tatsächlich auch ein allgütiger Gott ist, die Welt nicht mit anderen, dem menschlichen
Wohl zuträglicheren Naturgesetzen erschaffen müssen? Wie kann man angesichts des tatsächlichen Zustandes der Welt rationalerweise überhaupt auf den Gedanken kommen, daß der Schöpfer der Welt ein allgütiges, dem Menschen wohlgesonnenes Wesen ist? Der wichtigste Versuch der Theisten, mit diesem Problem fertig zu werden, sieht so aus:
Jene Naturgesetze, die zu den genannten natürlichen Übeln führen, haben in Wahrheit auch
positive Konsequenzen, das heißt sie führen in der von Gott geschaffenen Welt auch zu Gütern –
und zwar zu Gütern, die die genannten Übel mehr als aufwiegen. – Dies ist in der Tat, das muß
man zugeben, denkbar. Tatsächlich hat aber kein Theist bislang zeigen können, daß mit solchen Übeln wie
Naturkatastrophen und Krankheiten irgendwelche größeren Güter wirklich verbunden sind. Und
ausserdem würde es nicht genügen, wenn der Theist solche Güter tatsächlich benennen könnte.

Ein Gott, der allmächtig ist, hätte ja die bestehenden Naturgesetze in der Weise ändern oder modifizieren können, dass die Güter zwar erreicht, die Übel aber vermieden worden wären.

Es hat sich im Laufe der Zeit herausgestellt, daß es sogar dem Menschen mit
seinen eher bescheidenen Fähigkeiten möglich war, jedenfalls einige Krankheiten und
Naturkatastrophen auszurotten bzw. in ihren Auswirkungen in den Griff zu bekommen. Für einen
allmächtigen Gott aber, der dasselbe Ziel gehabt hätte, wäre dieses Ereignis doch noch viel

leichter zu erreichen gewesen. Darauf antworten einige Theisten: Gott wollte dieses Ziel bewusst gar nicht erreichen. Er wollte vielmehr dem Menschen als einem mit einem freien Willen ausgestatteten Wesen die Chance geben, sich im Kampf mit dem natürlichen Übel moralisch zu bewähren. Der hohe Wert einer gelungenen moralischen Bewährung aber wiegt den Unwert der zu diesem Zweck erforderlichen Übel mehr als auf. – Diese Antwort jedoch erweist sich schon bei geringem Nachdenken als völlig unzureichend. Ist ein jahrelanges Leiden von kranken Kindern wirklich damit zu rechtfertigen, daß sie ein mitleidiger Arzt auch ohne Honorar nach Jahren schließlich heilt und sich dadurch vor Gott moralische Verdienste erwirbt? Aber: Gegen sehr viele natürliche Übel kann der Mensch überhaupt nichts ausrichten! Er kann weder den Tod besiegen, noch Erdbeben verhindern! Die sonst noch gängigen Antworten von Gläubigen, insbesondere von Theologen auf die Herausforderung des Problems des Übels sind leider so realitätsfern, daß man nicht näher auf sie eingehen muß.

Dieser Text stammt Ursprünglich von Herrn Prof. Dr. Dr. Norbert Hoerster, allerdings wurde der Text leicht verändert.

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